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Musiktherapie: Kraft und Wirkung von Klängen

Musik ist, neben einem Vergnügen für die Ohren, auch eine Therapierichtung. Mittlerweile findet Musiktherapie in unseren Breiten trotz anfänglicher Skepsis immer mehr Anerkennung. Die IMC FH Krems gilt als international anerkanntes Zentrum für musiktherapeutische Ausbildung.

Studierende spielen Harfe und Gitarre

Seit mittlerweile 10 Jahren gibt es den erfolgreichen Studiengang Musiktherapie an der IMC FH Krems.

Musiktherapieumfasst die bewusste und geplante Behandlung von Menschen, insbesondere mit emotional, somatisch, intellektuell oder sozial bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen. Laut internationalen Studien ist etwa eine Behandlung von Depressionen und Angstzuständen doppelt so erfolgreich, wenn auch Musiktherapie angewandt wird, denn Musik hat zwei neurobiologische Effekte: Einerseits wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert und andererseits wird im Mandelkern das Stress- und Angstzentrum deaktiviert.

Prof.(FH) Priv.-Doz. Mag. Dr. Gerhard Tucek hat vor zehn Jahren den Bachelor- und Master-Studiengang Musiktherapie an der IMC FH Krems ins Leben gerufen, die inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen können, sowohl national als auch international. Mittlerweile ist der engagierte Waldviertler nicht nur Leiter des Instituts für Therapiewissenschaften, sondern seit 2016 auch Leiter des Josef Ressel Zentrums, eines Forschungsinstituts für personalisierte Musiktherapie.

Seit über 30 Jahren ist Gerhard Tucek im Bereich Musiktherapie tätig und ein Experte für qualitative Sozial- und Feldforschung. „Was mich an der Musiktherapie fasziniert, ist die Kraft und die Macht der Musik, auf einer nicht sprachlichen Ebene mit Menschen in Kontakt zu treten. Die Kombination des künstlerischen mit dem beziehungsorientierten Ansatz ist das, was mich seit nun 30 Jahren nicht loslässt, daran zu arbeiten, es zu vertiefen und daran zu forschen“, beschreibt Tucek seine Arbeit.

„Mozart & Science“ und die Anfänge der Musiktherapie in Krems

2006 lernte Gerhard Tucek beim Kongress „Mozart & Science“ den damaligen Landesrat und heutigen Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka kennen, der ihn bat, in Niederösterreich einen akademischen Musiktherapiestudiengang aufzubauen. Musiktherapie ist eine eigenständige, wissenschaftliche und zugleich künstlerisch-kreative und ausdrucksfördernde Therapieform, die in Österreich seit 2008 zu den gesetzlich geregelten Gesundheitsberufen zählt. Nachdem das entsprechende Gesetz im Nationalrat verabschiedet wurde, konnte im September 2009 der Bachelor-Studiengang Musiktherapie an der IMC FH Krems mit Gerhard Tucek als Studiengangsleiter starten.

„Nachdem wir den Bachelor-Studiengang Musiktherapie verankert hatten, kam bald darauf der Master-Studiengang dazu. Auf der internationalen Ebene haben wir PhD-Kooperationen mit Universitäten in England und Indien entwickelt. Der Kongress ‚Mozart & Science‘ wird mittlerweile von der IMC FH Krems veranstaltet und hat Tradition. Vor fünf Jahren hosteten wir den Weltkongress der Musiktherapie. Besonders die Strukturen der Musiktherapie haben sich sehr gut entwickelt, auch die Forschungsstrukturen und die Öffentlichkeitsarbeit“, erzählt der heutige Institutsleiter für Therapiewissenschaften.

Weltkongress der Musiktherapie

2014 fand an der IMC FH Krems der Weltkongress der Musiktherapie statt. Rund 1.000 Expertinnen und Experten aus 45 Ländern nahmen an dem Kongress teil, bei dem nationale und internationale Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten die neuesten Erkenntnisse aus der Gehirnforschung vorstellten und sich austauschten.

Auch IMC FH Krems Absolventin Astrid Heine hat sich in ihrer Masterarbeit, einer Pilotstudie zu Positronenemissionstomografie (PET) und Musiktherapie, mit dem Schwerpunktthema Gehirnforschung auseinandergesetzt. Ihre Studienergebnisse stellte sie im Rahmen des Kongresses vor. Das vorrangige Ziel der Forschung war die Bestimmung von Veränderungen in der Hirnaktivität (Frontallappen, Hippocampus und Kleinhirn) und des Verhaltens, die bei Wachkomapatienten durch Musiktherapie hervorgerufen werden können. Das Projekt untersuchte auch, ob es Verbindungen zwischen Veränderungen der Hirnaktivitäten und dem Verhalten gibt.

Musiktherapie kann neue Kommunikationswege im Gehirn herstellen und ist daher eine vielversprechende Therapieform für den Wiederaufbau von Kommunikationsstrukturen zwischen Gehirnzentren. Dieses Verfahren ist in jeder Phase der neurorehabilitativen Therapie von größter Wichtigkeit. Mithilfe von PET kann der Blutdurchfluss im Gehirn gemessen und die Diagnostik unterstützt werden, um zu eruieren, wie Musiktherapie wirkt und wo Störungen im Gehirn vorhanden sind. „Wir haben bei dieser Pilotstudie gesehen, dass Musiktherapie tatsächlich sichtbare Effekte hervorruft“, erklärt Gerhard Tucek. „Das Spannende, das wir durch die PET-Bilder und die zusätzlichen Videoaufnahmen beobachten konnten, war, dass es bei manchen Patientinnen und Patienten eine erhöhte Gehirnaktivität gab, allerdings weniger Aktivität in ihrem Verhalten. Bei anderen Patientinnen und Patienten wiederum konnten wir kaum eine Veränderung in der Gehirnaktivität sehen, dafür aber eine erhöhte Wachheit. Aufgrund dieses scheinbaren Wiederspruchs zwischen klinischen Erscheinungsbild und Gehirnaktivität haben wir beschlossen, noch intensiver in diesem Bereich zu forschen.“

Der Weltkongress der Musiktherapie war ein großer Erfolg für Gerhard Tucek und die Musiktherapie an der IMC FH Krems. Besonders das internationale Netzwerk konnte verstärkt und ausgebaut werden. Durch den Weltkongress hat Gerhard Tucek die kulturelle Vielfalt der Musiktherapie schätzen gelernt, besonders aber auch diese zuzulassen: „Wenn ich im Feld draußen bin, dann sehe ich, dass es eine unglaubliche Vielfalt bei der heilsamen Anwendung von Musik gibt. Wir dürfen diese Vielfalt der Musiktherapie nicht verlieren.

Durch die zahlreichen Vorträge und Diskussionen im Rahmen des Weltkongresses wurde deutlich, wie sehr sich die Gehirnforschung weiterentwickelt. Für Gerhard Tucek war das die Motivation, den Antrag für das Josef Ressel Zentrum zu stellen. Nur zwei Jahre später wurde das Josef Ressel Zentrum gegründet und die Forschungen in diesem Bereich konnten intensiviert werden.

Josef Ressel Zentrum für personalisierte Musiktherapie

Das Josef Ressel Zentrum widmet sich der Schaffung evidenzbasierter wissenschaftlicher Grundlagen für eine personalisierte Musiktherapie in ausgewählten Feldern der neurologischen Rehabilitation.

In klinischen Fallberichten finden sich im Verlauf des Therapieprozesses vielfach Beschreibungen von Resonanzerfahrungen zwischen Therapeutinnen und Therapeuten bzw. Patientinnen und Patienten. Diese wissenschaftlich schwer fassbaren Phänomene werden in der musiktherapeutischen Arbeit selbst mit schwer hirngeschädigten Patientinnen und Patienten (zum Beispiel nach Schädel-Hirn-Trauma, Hypoxie, Schlaganfall etc.) beschrieben.

Aspekte personalisierter Musiktherapie in der Neurorehabilitation

Das Josef Ressel Zentrum (JRZ) nimmt eine humanistische Haltung ein und nähert sich der Personalisierung auf einer kommunikativen und psychophysiologischen Ebene. Demzufolge erfolgt die Forschung des JRZ in der Musiktherapie und nicht nur bezüglich der Effekte von Musik. Mit der Erkenntnis, dass die Effekte (des Ausübens oder Zuhörens) von Musik im Kontext einer therapeutischen Beziehung sehr komplex sind, ist das Thema der Personalisierung von Therapie das vorrangige Forschungsthema des JRZ.

Der neue Ansatz des JRZ zielt auf Personalisierung ab und vereint daher die Forschung in den folgenden beiden Gebieten: Forschung an psychophysiologischen Veranlagungen der Patientin bzw. des Patienten und der Therapeutin bzw. des Therapeuten und ihres Einflusses auf die am besten geeigneten Zeitpunkte einer therapeutischen Intervention für bestimmte Patientinnen bzw. Patienten sowie Forschung an Empathie-gestützten therapeutischen Beziehungen angesichts ausgewählter psychophysiologischer Korrelate.

Forschungsbereiche „Right Period“ und „Right Moment“

Patientinnen und Patienten, aber auch Therapeutinnen und Therapeuten, haben in der Rehabilitation im Tagesverlauf in ihrer Aktivität Höhepunkte genauso wie Tiefpunkte. Zwischen den Therapien brauchen sie Erholungsphasen. Bei einem vollen Therapieplan sind die Patientinnen und Patienten irgendwann an einem Punkt, wo sie zu erschöpft sind, um die angebotenen Impulse noch Gewinnbringend verarbeiten zu können. Mit mehr Erholungsphasen zwischen den einzelnen Therapien können größere Therapieerfolge erzielt werden. Wie das Timing der Therapien effizienter auf die einzelnen Patientinnen und Patienten abgestimmt werden kann, erforscht das Josef Ressel Zentrum in der Projektschiene „Right Period“.

Der zweite Forschungsschwerpunkt des Josef Ressel Zentrums beschäftigt sich mit dem „Right Moment“. In der Neurorehabilitation gibt es bei schweren Schädel-Hirn-Traumata in der Frühphase einen Moment, da zwischen der Patientin oder dem Patienten und der Therapeutin oder dem Therapeuten eine Verbindung entsteht. Um diesen Moment wissenschaftlich beschreiben und belegen zu können, verwenden Gerhard Tucek und sein Team das Modell der sozialen Neurowissenschaften. Untersucht wird das Phänomen mit „Hyper Scanning EEGs“, parallel geschalteten EEGs, mit denen ersichtlich wird, wann Patientin bzw. Patient und Therapeutin bzw. Therapeut beginnen sich zu synchronisieren, und ab welchem Zeitpunkt ein gutes Einvernehmen zueinander beginnt. Es geht um den „Right Moment“, den Zeitpunkt, an dem sich der weitere Heilungsverlauf entscheidet.

Mitgefühl und Empathie von Therapeutinnen und Therapeuten

Empathie-Fähigkeit gilt in der therapeutischen Arbeit als essenzieller Faktor für die Beziehung zwischen Patientin bzw. Patient und Therapeutin bzw. Therapeut und damit als ein wesentlicher Bestandteil im Genesungsprozess. Als zentraler Faktor (musik-) therapeutischer Arbeit gilt das Herstellen einer vertrauensvollen, therapeutischen Beziehung zwischen Patientin bzw. Patient und Therapeutin bzw. Therapeut. In diesem Rahmen können durch die empathische Zuwendung der Therapeutinnen und Therapeuten die Angst- und Stressreaktionen des Gegenübers reduziert werden und einer Entspannung weichen. Der dritte Forschungsschwerpunkt des Josef Ressel Zentrums geht der Frage nach, wie man in der Ausbildung Empathie unterrichten kann und wie man diese messen kann. „Wir können mit dieser Forschungsschiene einen enormen Benefit liefern“, ist Gerhard Tucek überzeugt. „Mir ist wichtig, dass die Studierenden Methoden mitbekommen, damit sie über die Jahre, in denen sie tätig sind, nicht ausbrennen. Im Gesundheitsbereich ist die Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl eine Qualität, die wir nicht hoch genug schätzen können, die jedoch durch die Herausforderungen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, gefährdet ist.“

Lehre und Forschung

Die IMC FH Krems ist verpflichtet, forschende Lehre zu praktizieren und anwendungsorientiert zu forschen. Studierende werden in aktuelle Forschungsprojekte miteingebunden, indem sie zum Beispiel im Zuge ihrer Master-Arbeiten in Projekte des Josef Ressel Zentrums involviert sind. „Uns ist es wichtig, dass die Studierenden bei den Forschungsprojekten mitarbeiten. Nur so lernen sie, wie Forschung tatsächlich funktioniert und wie man systematisch an eine Situation herangeht. Dadurch wird die Forschung nicht nur ein theoretisches Trockentraining, sondern ein spannendes Unterfangen“, ist Gerhard Tucek überzeugt.

Mehr zu Gerhard Tucek und dem Forschungsbereich Musiktherapie gibt es zum Nachhören in der Podcast-Reihe „IMC Science Dialogue“.

Die IMC FH Krems feiert ihr 25 jähriges Bestehen